Handlungsmacht Beispiel Essay

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Judith Butlers Konzept der Gender- Performativtät

3. Das Beispiel von Charlie Björns
3.1 Performativität und Dekonstruktion im Artikel „Geschlecht: geheim“
3.2 Schwierigkeiten einer Dekonstruktion

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Die US- amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler, zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen der Geschlechterstudien. 1990 erschien ihr Werk Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. [deutsch 1991: Das Unbehagen der Geschlechter], welches als ihr bekanntestes und auch einflussreichstes Buch gilt und zum Aushängeschild der Geschlechterforschung wurde. Darin tritt sie für einen „postmodernen, poststrukturalistischen Anti-Essentialismus“1 ein, welcher jegliches Denken, das Identitäten als grundlegend und natürlich existent begreift, ablehnt. Nach Butler beruht nicht nur die Geschlechtsidentität auf einem sozialen Konstrukt, vielmehr zweifelt sie auch die Natürlichkeit und die Unvermeidlichkeit des biologischen Geschlechts an.

„Was ist eine Frau eigentlich? Warum ist das so wichtig? Ich bin so viel mehr als mein Geschlecht.“2 Diese Aussage stammt von der 32- jährigen Malin Björns aus Malmö in Schweden, die die Kategorien weiblich und männlich ebenfalls anzweifelt und als konstruiert begreift. Die Mutter des 2- jährigen Charlie hat sich für eine geschlechtsneutrale Erziehung entschieden. Das Geschlecht ihres Kindes hält sie geheim, um zu vermeiden, dass Charlie in Rollenklischees gedrängt wird und um ihrem Kind die Möglichkeit zu geben, vielmehr als Mädchen oder Junge und Mann oder Frau, zu sein.

In dem hier vorliegenden Essay werde ich, am Beispiel des von Julia Rothhaas verfassten Artikels „Geschlecht: geheim,“ welcher in der Dezember/ Januar 2011/ 2012 Ausgabe der Nido erschienen ist, das Konzept der Performativität nach Judith Butler, veranschaulichen.

In meiner Analyse soll es um die Frage gehen, wie eine Binarität der Geschlechter im sozialen Umfeld der Familie Björns geschaffen wird und durch welche gesellschaftlichen Sanktionen diese gestützt wird.

Das Essay soll am Beispiel des Artikels zeigen, wie Geschlecht performiert und wie es durch Inklusion und Exklusion ständig reproduziert wird.

2. Judith Butlers Konzept der Gender- Performativtät

Der Begriff der Performanz bezeichnet in der Sprachwissenschaft, nach dem Begründer der Sprechakttheorie John L. Austin, einen Sprechakt mit dem eine Handlung vollzogen wird. John L. Austin begründet diese performativen Äußerungen im Unterschied zu den konstativen Äußerungen, welche einen Zustand beschreiben. Die Handlung wird erst durch ein autonomes und intentional agierendes Subjekt hervorgebracht.

Im Gegensatz dazu steht der Terminus der Performativität, welcher nach Judith Butler das autonome und intentional agierende Subjekt negiert und stattdessen davon ausgeht, dass das Subjekt erst durch den Akt der Äußerung und den damit vollzogenen Handlungen hervorgebracht wird.

In ihrem 1991 in Deutschland veröffentlichten Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ definiert und charakterisiert Butler in dem Kapitel „Von der Innerlichkeit zu den Performanzen der Geschlechtsidentität“ den Terminus der Performativität und erläutert auf dessen Basis die Entstehung der Geschlechter und der Geschlechtsidentitäten. Als Ausgangspunkt ihrer Theorie der Gender Performativität stützt Butler sich auf ein von Foucault, in „Überwachen und Strafen“ entwickeltes Konzept. Butler versteht Foucaults Konzept als eine Umformulierung, der von Nietzsche formulierten Lehre von der Verinnerlichung, in „ein Modell der Einschreibung.“ Sie erklärt, dass nach diesem Modell Körper entstehen, welche die normativen Erwartungen der Gesellschaft und dessen Gesetze reflektieren. Körper entstehen durch die Produktion der Seele, die permanent auf die Körper eingeschrieben wird und durch dessen dauerhafte Wiederholung internalisiert wird. Dabei wird die Seele zum Gefängnis des Körpers.3

Judith Butler überträgt Foucaults Modell auf die Geschlechtsidentitäten, die auf den Körper eingeschrieben werden und durch Gesetze, Exklusion oder Inklusion die Binarität der Geschlechter und die Heterosexualität festigen sollen. Durch andere Formen der Sexualität und des Begehrens zeigt sich nach Butler allerdings, dass Geschlechtsidentität nicht aus dem Geschlecht folgen muss und sich dann als Konstruktion erweist.4 So heißt es:

„Akte, Gesten, artikulierte und inszenierte Begehren schaffen die Illusion eines inneren Organisationskerns der Geschlechtsidentität (organizing gender core), eine Illusion, die diskursiv aufrechterhalten wird, um die Sexualität innerhalb des obligatorischen Rahmens der reproduktiven Heterosexualität zu regulieren.“5

[...]



1 Jensen 2005, S. 254

2 Vgl. Rothhaas 2011/ 2012, S. 40

3 Vgl. Butler 1991, S. 198- 199

4 Vgl. Butler 1991, S. 199- 200

5 Butler 1991, S. 200

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten  - nach oben

„Das alte lineare Modell, bei dem die Politik von oben herab verkündet wird, muss durch einen circulus virtuosus ersetzt werden, einen Spiralprozess, der - von der Gestaltung bis zur Durchführung der Politik - auf Rückkoppelung, Netzwerken und Partizipation auf allen Ebenen beruht.1

So die Forderung der EU-Kommission hinsichtlich der zukünftigen Gestaltung europäischer Politik aus dem Weißbuch Europäisches Regieren, das im Frühjahr 2001 vorgelegt wurde. Als Akteure dieser geforderten Rückkoppelungen und Netzwerke gelten unter anderem nichtstaatliche Organisationen (NGOs), die sich vermeintlich EU-unabhängig mit europaspezifschen Fragestellungen beschäftigen.

Dabei bestehen kontroverse Ansichten hinsichtlich der Wirkungsmacht von Nichtregierungs-organisationen im politischen System der EU, teils wird die Möglichkeit der basis-demokratischen Mitbestimmung hervorgehoben2, teils wird die Auslagerung von Demo-kratie und Öffentlichkeit kritisiert. Tatsache ist, dass zivilgesellschaftliche Akteure heute anders von der EU angerufen werden, als das noch vor zwanzig Jahren der Fall war.

Das Outsourcing ehemals staatlicher Aufgaben seitens der EU an nicht-staatliche Organisationen bezeichne ich im Folgenden mit dem Begriff der NGOisierung. Die NGOisierung als „'sanfte' Institutionalisierung3“ ist Teil der new governance, wie sie im oben genannten Weißbuch proklamiert wird. Die New Governance-Perspektive nimmt laut Sabine Hess und Serhat Karakayalı „ein breites Feld politischer Praktiken und Diskurse in den Blick, die außerhalb des klassischen parlamentarisch-politischen Bereichs angesiedelt sind.4 Politische Diskurse werden damit ausgelagert, die ihnen inhärenten Fragestellungen werden auf andere Weise, aber vor allem von anderen Akteuren verhandelt.

Laut Ulrich Beck und Edgar Grande spricht man heute von der EU als network state, vom Mehr-Ebenen-Staat oder von der EU als multi-level-system of governance um die „spezifische, mehrdimensionale und dezentralisierte Form der Entscheidungsstrukturen zu bezeichnen.“5 So zeichnet sich die Europäische Union durch ein vielfältiges Beziehungsgefüge zwischen verschiedenen Akteuren und auf verschiedenen politischen Ebenen aus.

Mich interessiert, welche Spielräume sich in diesem Staatsgefüge für alternative Formen des Mit-Regierens auftun und welche möglichen Potenziale sich darin verbergen. Im Rahmen dieser Forschung wird es daher meine Frage sein, inwieweit NGOs und informelle Gruppen Teil des neuen Europäischen Regierens sind und welche Konsequenzen dies für die politische Gestaltung des gemeinsamen europäischen Raumes hat.6 Gibt es innerhalb dieser Verbindungen von EU und zivilgesellschaftlichen Akteuren die Möglichkeit der politischen Veränderung? Welche Handlungsmacht kommt den Nichtregierungsorganisationen im politischen System der EU zu?

Diese Fragen stelle ich im Spannungsfeld zweier spezifischer Orte, zum einen in Berlin, zum anderen in Cluj/Rumänien. Als Forschungspartner gilt mir dabei die transnationale Organisation European Alternatives7 (im Folgenden: EA), die an beiden Forschungsorten durch lokale Gruppen vertreten ist. Der Fokus meiner Analyse liegt dabei eher auf meiner Feldforschung in Cluj, weil mir gerade die post-sozialistische Perspektive für meine Fragestellung von großer Bedeutung zu sein scheint.

Die Berliner Gruppe von EA lernte ich im Januar 2011 im Rahmen meiner Recherchen für das Studienprojekt kennen. Nachdem ich meine Forschung in Berlin begonnen hatte, ver-ständigte sich das Projektteam, eine Exkursion nach Cluj im Zeitraum des dort veranstalteten Transeuropafestivals zu unternehmen. Unsere Entscheidung fiel dabei sehr bewusst auf Cluj und nicht etwa auf Paris, London oder Rom, da uns insbesondere der Blickwinkel der geographischen Ränder Europas interessierte und wir uns von dieser Reise neue Perspektiven auf unser Forschungsthema versprachen. Daher forschte ich sowohl in Berlin als auch in Cluj. Europa verstehe ich im Rahmen dieser Forschung als diskursive, bewegliche Form. Der Begriff der „anderen Europas“ ist dabei Teil meiner Analyse und muss nicht unbedingt von den Akteuren benannt werden.

1. Mein Forschungspartner European Alternatives

„Above all it [European Alternatives] was born out of frustration with the political and cultural impasse that we were experiencing in all countries of Europe – the lack of political alternatives to the present and political courage for opening new possibilities for living together, a cultural conservatism which may fetishize the most outward marks of distinction, but which craves above all conformity.8

EA wurde im Jahr 2006 aus einer Kritik am Status Quo heraus gegründet, dieser zeichnet sich laut Darstellung EAs in der Hauptsache durch Ungleichheit, fehlende demokratische Vereinbarung oder Nicht-Einhaltung dieser sowie das Fehlen künstlerischer und politischer Debatten über Europa aus. EA geht dabei von einem demokratischen Defizit innerhalb der EU aus, sie fordern für Dualismen wie Migrant-Nichtmigrant, Mann-Frau, Arm-Reich etc. einen transnationalen Lösungsansatz.

Das Konzept der Organisation besteht darin, sich bezüglich der Vermittlung ihrer Themen sowohl politischer als auch künstlerischer Mittel zu bedienen. So werden neben politischen Diskussionen, Panels und Workshops auch Ausstellungen, Filmabende, Theatervorführungen, literarische Lesungen etc. organisiert. Außerdem sind viele der Aktivisten wie auch eine große Anzahl der Kooperationspartner selbst Kunstschaffende. Die beiden Standbeine Kunst und Politik können im Falle EAs nicht unabhängig voneinander betrachtet werden, sie bedingen sich gegenseitig und lassen erst durch ihre Symbiose die konkreten Diskurse und Strategien der Organisation deutlich werden.

In dieser Verknüpfung von politischen und künstlerischen Themen zeigt sich aber auch eine Kulturalisierung des Politischen9, und damit einhergehend eine verstärkte Hinwendung zur künstlerisch-kulturellen Arbeit seitens der EU im Allgemeinen. Im Selbstverständnis der EU solle Kultur „gleichsam ein weiches und anschmiegsames Korsett bilden, welches Europa zusammenhält und formt“, so Wolfgang Kaschuba. Der Begriff der Kulturalisierung hat hier allerdings eine Doppelrolle inne: Zum einen ist damit die beschriebene Betonung des Kulturellen als (primäre) europäische Gemeinsamkeit gemeint, zum anderen findet eine Verschiebung des Fokus innerhalb der geförderten Projekte statt. Aufgrund des ‚Geldgebers EU‘ und seiner spezifischen Ansprüche, werden konkrete ökonomische, soziale und historische Gesichtspunkte zugunsten des Kulturellen oftmals vernachlässigt, vorherrsch-ende Machtverhältnisse und ökonomische Diskurse werden verdrängt. Die EU wird damit selbst zum Akteur der Kulturalisierung. Ich behaupte nicht, dass diese Kulturalisierung des Politischen auf die Arbeit EAs zutrifft, sondern möchte hier eher auf einen Trend aufmerksam machen, der sich in einer Vielzahl aktuell EU-geförderter Projekte zeigt.10

Die Gleichzeitigkeit von Politik und Kunst bietet aber auch Vorteile, da sich auf diese Weise eine Alternative zum klassischen parteipolitischen Engagement eröffnet. So gelang es EA CLuj beispielsweise, durch eine Kunstausstellung zum Thema Homophobie ein Publikum zu erreichen, in dem sich sowohl Kunstinteressierte als auch LGBT-Aktivisten zusammenfanden. In diesem Fall funktionierte die Kunst durchaus als Verständigungsmedium des Politischen und umgekehrt.

Der Fokus meiner Forschung liegt primär auf der Arbeit EAs um das Transeuropa Festival, das einmal pro Jahr in mehreren europäischen Städten simultan von EA organisiert und veranstaltet wird. 2011, und damit innerhalb meiner Feldforschungszeit, fand das Festival in London, Paris, Bologna, Berlin, Cluj11, Lublin, Prag, Bratislava, Sofia, Amsterdam, Edinburgh und Cardiff statt. Ich forschte sowohl in Berlin während der Vorbereitungsmonate als auch in Cluj zur Festivalzeit. Abseits dieses Festivals findet die Arbeit innerhalb der lokalen Gruppen unter dem Anspruch der transnationalen Vernetzung sowohl unter den diversen EA-Gruppen als auch unter interessensverwandten Initiativen statt.

Die Rolle, die ich im Feld einnehme, ist insofern eine besondere, als dass ich sowohl Forscherin als auch Mitglied von European Alternatives Berlin bin. Neben vielen Vorteilen wie problemloser Kontaktaufnahme und dem Rückgriff auf bestehende Kontakte ergaben sich dadurch auch kleinere Nachteile. So hatte ich oftmals das Gefühl, im Feld weniger als Forscher denn vielmehr ausschließlich als Aktivistin wahrgenommen zu werden. Nur in reinen Interviewphasen hob sich dies auf.

2. „Democracy, Equality, Culture beyond the Nationstate“ als kraftvolle Imaginationeines anderen Europas

Ich gehe zunächst davon aus, dass EA mit ihrem beyond the nationstate-Konzept12 ein mögliches ‚anderes Europa‘ sozial imaginieren und damit überhaupt erst vorstellbar machen. So werden durch ihre Arbeit beispielsweise Fragen der illegalen Migration und der Grenzregimepolitik thematisiert, gleichzeitig werden mit konkreten Praxen, spezifischen Veranstaltungen und der Forderung, Fragen der Migration auf transnationaler Ebene zu verhandeln, innovative Wege hin zu einem Verständnis des gemeinsamen europäischen Raumes jenseits nationalstaatlicher Grenzziehungen aufgezeigt.

Den Begriff der sozialen Imagination verwende ich nach Arjun Appadurai13, mit dem ich davon ausgehe, dass Vorstellungen und Ideen global vermittelt werden, beispielsweise durch Massenmedien oder Migrationserfahrungen. Diese Vorstellungen - im konkreten Fall die eines 'anderen Europas'- werden dabei aber nicht einfach übernommen, sondern im jeweiligen subjektiven und lokalen Kontext interpretiert. Die soziale Imagination wird so zu einer kollaborativen sozialen Praxis, die es den Akteuren ermöglicht, jenseits lokaler und nationaler Grenzziehungen zu denken und zu handeln. Im Verlauf dieses Berichtes versuche ich, dies an den unterschiedlichen Einstellungen bezüglich einer europäischen Utopie im Spannungsfeld Berlin-Cluj deutlich zu machen.

Schon in der anfänglichen Auseinandersetzung mit EA fiel die finanzielle Förderung von Seiten der EU auf. Zumeist erhalten die lokalen Gruppen zwar einen finanziellen Grundstock für die Planung ihrer Events von der Mutterorganisation European Alternatives London, müssen sich aber trotzdem aufgrund einer geforderten Co-Finanzierung um eigene Projektförderungen bewerben. In meiner Berliner Feldforschungszeit wurde das Festival beispielsweise durch eine Förderung des Jugendprogramms Jugend in Aktion14 gefördert. Auf deren Website steht zu lesen, dass „Brüssel“ bis 2013 insgesamt 886 Millionen Euro für

„Jugendgruppen, gemeinnützige Vereine und Einrichtungen der Jugendarbeit in 33 Ländern zur Verfügung [stellt]. Damit möchte die EU Bürgersinn, Solidarität und demokratisches Engagement unter jungen Menschen stärken und ihnen zu mehr Mobilität und Zusammenarbeit in Europa verhelfen.“15

Da die EU selbst über keine direkte Öffentlichkeit verfügt, gehe ich zunächst davon aus, dass sie nichtstaatliche Institutionen, die ihre Ziele bürgernah repräsentieren, bevorzugt finanziell unterstützt, da so auch ihre eigenen Interessen vertreten werden. Wenn die EU, wie von Seiten European Alternatives behauptet wird, also tatsächlich ein Defizit an Demokratie und Öffentlichkeit inne hat, dann ist das der Punkt, an dem EA mit ihrer Arbeit ansetzt.

Durch die finanzielle Förderung EAs von Seiten der EU wird weiter das institutionelle EU-Ziel der transnationalen Vernetzung erreicht. Diskurse bezüglich einer gemeinsamen Politik werden so auf den gesamteuropäischen Raum ausgeweitet und bleiben nicht länger Frage der Nationalstaaten. Die Praxis der Imagination verstehe ich im Rahmen dieser Forschung als Grundlage für die Bürgerpartizipation innerhalb der NGOs. So braucht es zunächst die Vorstellung eines anderen Europas, um dieses dann konkret in die Tat umzusetzen.

Europa lässt uns nicht träumen16, bemerkt Rosi Braidotti zurecht, daher frage ich weiter, inwieweit die von ihr geforderte „Rekonstruktion des Imaginären17 in EAs Praktiken Erfüllung findet und ob in diesem Fall tatsächlich das politische Thema Europa durch direkte Bürgerbeteiligung zur Leidenschaft werden kann.

3. Angewandte Forschungsmethoden

Ab Januar 2011 nahm ich regelmäßig an den Gruppentreffen der Berliner European Alternatives teil und wurde von vornherein in die Planung des Festivals eingebunden. In den ersten Wochen fokussierte ich mich zunächst auf eine Medienanalyse18 und ausführliche Feldnotizen, um eine Basis für die folgenden Interviews zu schaffen. Im Rahmen meiner Forschung in Cluj und Berlin verfolgte ich eine gängige qualitative Methodik mit teilnehmender Beobachtung, Interviews mit direkten Akteuren des Umfelds19, Feldnotizen und Forschungstagebuch, Zeichnung und Deutung von Mental Maps, sowie einer Analyse der themenspezifischen Print- und Onlinemedien. Im Rahmen der Auswertung wendete ich die Methode des theoretischen Kodierens an.

Folgende Materialien wurden analysiert:

Interviews mit EA-Aktivisten aus Berlin und Cluj

Interview mit dem EA-Ortsgruppengründer aus Amsterdam

formelle wie informelle Gespräche mit Akteuren des Festivals und des Umfeldes

Forschungstagebuch

Feldnotizen

Mental Maps

Foto- und Videomaterial aus Cluj

Print- und Onlinemedien von und über EA

4. Analyse / Ergebnisse

Meine anfänglichen Thesen wurden im Rahmen meiner Berlin-Forschung zunächst größtenteils bestätigt, wenn meine Forschungspartner auch teilweise recht kritisch gegenüber der EU positioniert waren und sich des Widerspruchs, der mit der finanziellen Förderung einhergeht, durchaus bewusst sind.20

Allerdings ergab sich durch meine Feldforschungserfahrung in Cluj eine interessante Wende. Dort wurde mein Berliner Blick relativiert und es eröffneten sich neue, interessante Perspektiven auf meine anfänglichen Forschungsfragen. In Cluj, so schien es mir zunächst, hat European Alternatives an sich und die Mitgliedschaft in der Organisation einen anderen Stellenwert als in Berlin. So erwähnte eine meiner rumänischen Interviewpartnerinnen:

„(...) It's a kind of perspective I think cannot be found in Romania because generally here in order to get involved in an organization, you have to agree in certain things and to accept some other things as taboo.“

Zwar unterstreicht meine Interviewpartnerin das Alleinstellungsmerkmal der Organisation in Rumänien, im Rahmen der Exkursion nach Cluj sind uns allerdings weitere Projekte begegnet, die eine durchaus vergleichbar progressive Rolle spielen. Zu nennen wäre hier beispielhaft die Fabrica de Pensule, eine ehemalige Fabrik, in der heute selbstorganisiert zeitgenössische Kunst ausgestellt wird und Atelierräume für Künstler geschaffen wurden21.

Trotzdem ist die thematische Auseinandersetzung von EA Cluj mit vermeintlichen Tabuthemen wie Homophobie, Rechtsextremismus, Roma-Rechte etc. noch immer unüblich in Rumänien, es ist eine Ausnahme, dass diese Themen derart publik kommuniziert werden. Daher steht EA Cluj auch in keiner nennenswerten thematischen Konkurrenz zu anderen Organisationen. In Berlin hingegen muss man schon ein besonders anspruchsvolles Programm entworfen haben, um das Europainteressierte Publikum im Wettspiel einer Vielzahl konkurrierender Veranstaltungen für sich zu gewinnen. Auf der anderen Seite ergeben sich durch eine Vielzahl interessensverwandter Gruppen in einer Stadt wie Berlin auch Kooperationsmöglichkeiten zur Durchsetzung gemeinsamer Ziele.22

Auch ist die Motivation, European Alternatives-Mitglied zu werden, in Cluj eine andere als in Berlin. Im Zuge meiner Forschung bekam ich den Eindruck, EA Berlin beizutreten geschehe zumeist aus einer gemeinsamen Interessenlage heraus, d.h. man schließt sich der Gruppe an, weil dort Themen diskutiert werden, die man selbst spannend findet und gerne außerhalb eines akademischen Rahmens diskutieren möchte und sich mit Menschen mit ähnlichen Interessen zu vernetzen. In Cluj hingegen findet die politische Bewusstwerdung oftmals erst im Rahmen der Mitgliedschaft statt, ein Interesse an der Gruppe ergab sich in vielen Fällen durch Freunde, die bereits bei EA engagiert waren. Eine rumänische Interviewpartnerin sprach von den „people who are somewhere in between, they haven't formed theirselfes yet”, und fasste darunter auch eine Vielzahl der Freiwilligen in der EA-Gruppe in Cluj, “and by joining our events and by traveling and by speaking with you they get a chance to understand what Europe really is.”

Die Mitgliedschaft bei EA Cluj birgt ein Versprechen: sie ermöglicht Ressourcen, die auf anderem Wege so nur schwerlich zu erreichen sind. Neben dem grundsätzlichen Gefühl, für ein sinnvolles Projekt einzustehen und in eine funktionierende Organisation eingebettet zu sein, ermöglicht die Mitgliedschaft auch Reisemöglichkeiten und die Chance, andere junge Menschen in ganz Europa zu treffen.23 Zwar gilt auch in Berlin die Mitarbeit bei EA als kulturelles Kapital24 und damit auch durchaus als karrierefördernd, dennoch bestehen unterschiedliche gewertete Mobilitätschancen zwischen den Mitgliedern in Berlin und Cluj, die von den Mitgliedern in Cluj strategischer genutzt werden als das in Berlin der Fall ist.

In vielen Fällen, so eine meiner Interviewpartnerinnen, würden die rumänischen EA Aktivisten bei diesen Reisen erstmals als gleichgestellte Europäer angesehen werden:

„Because we really wanted to travel and see other places and meet other people all at the same level, not to be their waitress or to clean their toilets (…) [The traveling] is very important, because for many people it's the first time they do it, they don't do it as part of their job, and they do it because they really really want to exchange on certain themes and European Alternatives works on that in thematic groups.”

Obwohl auch die Aktivisten von EA Cluj die Europäische Union oftmals kritisch sehen, nicht zuletzt weil sie Rumänien symbolisch an den Rand drängt, verspricht sie auf der anderen Seite eine sehr konkrete Perspektive der transnationalen Vernetzung.

Europa wird in Cluj auf eine gewisse Weise lokal produziert, dies geschieht durch Ressourcen wie Geld, Reiseangebote, die Chance sich zu professionalisieren, Netzwerke zu knüpfen etc. Die Frage des Mit-Regierens wird daher in Cluj anders gestellt als in Berlin. In Cluj gibt es einen größeren Willen zur Mitsprache in politischen Entscheidungen. Während EA Berlin eher eine impulsgebende Rolle spielt, besteht in Cluj durchaus der Anspruch, konkreten Einfluss auf realpolitische Geschehnisse zu nehmen. Weiter wird es durch den Kontext der EU in vielen Fällen überhaupt erst möglich, das oben bereits erwähnte Tabu zu brechen und Themen wie Gender, Unterdrückung von Minderheiten, Homophobie usw. anzusprechen und damit einen wichtigen Schritt hin zu deren Enttabuisierung zu wagen.

4.1. „Better dead than a communist“

Darüber hinaus misst man gerade in Cluj dem transeuropäischen Zusammenschluss hinsichtlich der Entstehung eines social Europe eine große Bedeutung zu. „I would die for it“, bestätigt eine meiner Interviewpartnerinnen. Ihrer Meinung nach sei mit dem Sozialismus auch das eigentliche europäische Wohlfahrtskonzept verloren gegangen, man halte es im heutigen Europa eher amerikanisch: „And now it’s all this orientation towards the West, but unfortunately in post-communist countries towards the US-model rather than the West-European welfare state.“

Man müsse gemeinsam daran arbeiten, das europäische Sozialmodell auch wieder in den post-kommunistischen Ländern zu etablieren und sich vom neoliberalen, amerikanischen Wohlfahrtsmodell abzuwenden. Dabei gelte es, die spezifischen historischen Erfahrungen der post-kommunistischen Länder in das aktuelle europäische Wohlfahrtskonzept zu integrieren. Es müsste ein Wohlstaatskonzept etabliert werden, wie es in den 60er und 70er Jahren in Westeuropa und in den ehemals kommunistischen Staaten vorhanden war. Leider, so erklärte meine Gesprächspartnerin weiter, gäbe es in Rumänien nahezu niemanden, der sich für eine Abwendung vom aufstrebenden neoliberalen System einsetzen würde, da alles, was dem alternativ eingesetzt werden könnte, zu sehr an das sozialistische System erinnern würde. Angelehnt daran kommt meine Interviewpartnerin auf die Kritik an den Begriffen ‚kommunistisch‘ und ‚sozialistisch‘ zu sprechen:

„If I say that I’m a socialist, I’m almost hang to death here. Or I should go…‘go with your old communist resource, that was part of the communist party‘…..Even when you say you are an activist here…because there are lyrics, there is a song still played in all pubs. It’s: “better dead than a communist'.'25 Because communism is associated with the static model that existed during Ceausescu's times. […] You shouldn't call Ceausescu a communist! But that's what everybody does! Ceausescu regime was not national-communist, it was nationalist! But if I would start to say this in Romania they would say I'm crazy.”

Durch die beständige Assoziation mit der Periode des Ceaucescu-Regimes, sind die Bezeichnungen „kommunistisch“ und „sozialistisch“ negativ besetzt und man versucht sich in Rumänien strikt davon abzugrenzen, in vielen Fällen orientiert man sich daher in gegensätzliche Richtungen. Nationalismus, so bestätigte mir eine meiner Interviewpartnerinnen, sei oftmals Ausdruck einer innovativen politischen Stellungnahme als denkbar radikalste Abgrenzung zum Kommunismus.

4.2. Nationalismus als Gegenbewegung?

Im Zuge unserer Projektvorstellung auf dem Festival in Cluj stellte unser Team fest, dass Europa dort in einem ganz anderen Kontext verhandelt wird als in Berlin. Unser Vortrag mit dem Titel Why Europe must be imagined from its contested margins wurde in einer intensiven anschließenden Diskussion kontrovers diskutiert, wobei auffällig war, dass nationalistische Bezüge bei vielen der Mitdiskutanten sehr präsent waren.26

Dieser Nationalismus kann allerdings auch durch den Europäisierungsdruck aufgrund der neuen EU-Mitgliedschaft verstärkt worden sein. Nach Ende des Staatssozialismus war in vielen osteuropäischen Ländern ein Wiederaufleben des Nationalismus zu beobachten. Erstmals nach dem Ende des Ost-West-Konflikts konnten sich wieder nationale Interessen entfalten, die zuvor durch eine propagierte Internationalisierung verdrängt worden waren. Einige politische Akteure benutzten den Nationalstaatsgedanken, um sich damit von der Herrschaft der Sowjetunion zu befreien und „im Namen nationaler Ziele für den Anschluss an Europa einzutreten.“27Zum einen hat der neue Nationalismus hier also einen emanzipativen Charakter, zum anderen steht er im Konflikt mit der „Wertegemeinschaft Europa“, die Freiheit, Demokratie und Menschenrechte fordert. 2007, im Jahr des EU-Beitritts Rumäniens hätte man der EU zunächst erwartungsvoll gegenüber gestanden:

“Our main target was to reach the EU, to become members, to become recognized by the West. And you should have seen us in 2007, there were huge parties, there were the..ahm...cars in the street they wear EU-flags.[...] We have been so proud of it! And we expected everything to change for the better when we joined.” Die anfängliche Europabegeisterung relativierte sich aber bald, als der erwartete rasche ökonomische Aufstieg ausblieb. Hingegen der Erwartungen vergrößerten sich bestehende Ungleichheiten und in Rumänien machte sich abermals das Gefühl der Abhängigkeit von einem supranationalen Gebilde breit.

Auch die allgegenwärtige Abgrenzung von den Roma könnte mit der Angst verbunden sein, mit ihnen verwechselt zu werden. Schließlich weiß man um deren Position innerhalb EU-Europas und fürchtet, dieses Negativimage könnte an einem selbst haften bleiben. Vielerorts geschah genau das übrigens bereits mit verheerenden Folgen.28

Laut Manuela Boatcã besteht in Rumänien seit der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich 1878 ein Trend zur ‚Verwestlichung‘. Die Rumänen versuchten sich gegen Assoziationen von „Rückständigkeit“, „Irrationalität“ und „Barbarei“ zur Wehr zu setzen, welche dem vermeintlichen Orient von Seiten des ‚Westens’ noch immer angedichtet wurden:

„Die Aushandlung kultureller und rassischer Identitäten, die auf der Zurückweisung einer eigenen orientalischen Vergangenheit, der Betonung des eigenen Beitrags zur europäischen Zivilisation und der Konzeptualisierung der Integration in die Europäische Union als eine 'Rückkehr nach Europa' basieren, dominieren noch einmal den osteuropäischen Identitätsdiskurs.29

Dieses hierarchische Verhältnis von Ost und West lässt sich mit Michael Hertzfeld als krypto-kolonial beschreiben. Er benennt damit Herrschaftsverhältnisse, die nicht auf tatsächliche koloniale Vereinnahmung zurückzuführen sind, aber dennoch zu einem hegemonialen Einfluss anderer Staaten führen, im Falle Rumäniens zu einer Herrschaft des 'Westens'.30

Ich hatte im Rahmen meiner Forschung an den beiden verschiedenen Schauplätzen dieser transnationalen Dimension oftmals den Eindruck, in Berlin und Cluj werden zwei unterschiedliche 'andere Europas' konstruiert, abhängig von der jeweiligen Geschichte, politischen Situation, Chancenaussicht etc.

Die Diskussion nach unserem Vortrag zeigt uns recht deutlich, wo die Grenzen des Konstrukts von Europa und dem Westen für gewöhnlich gezogen werden. Die koloniale Einteilung in imaginäre Räume wie West und Ost gehört noch immer zum dominanten Diskurs und schafft vermeintlich natürlich gewachsene Europäische Zentren und Peripherien.

In der Arbeit von European Alternatives in Cluj geht es auch darum, diese westlich dominierte Imagination zu dekonstruieren. Darin liegt die Forderung nach einer Re-Imagination des Europäischen Raumes. Es muss eine alternative Perspektive auf Europa geben, nicht allein die des dominanten Zentrums, die Rumänien zur Peripherie erklärt. In unserem Vortrag auf dem Festival versuchten wir aufzuzeigen, welches Potenzial gerade in Ländern wie Rumänien bezüglich neuer Vorstellungen von Europa vorhanden ist. Die sogenannten Anderen in Europa können gegenwärtige Zustände effektiver kritisieren als das mit sich selbst beschäftigte Zentrum.

Mit der Thematisierung erwähnter Tabuthemen entwerfen EA Cluj ein Bild, das sich dem dominanten Diskurs entgegenstellt und nicht zu der Vorstellung eines weißen, männlichen, christlichen Europas passt. Die vorherrschende eindimensionale, oftmals nationalistische Sicht wird auf diese Weise durchbrochen und die ehemals Ausgeschlossenen werden in den Mittelpunkt gestellt. Damit propagiert man bei EA-Cluj sehr bewusst ein kosmopolitisches Europa.31

4.3. „Europe? It's a horizon...“

Der besetzte Begriff und Name Europa als grenzfreier, gemeinsamer, friedlicher Raum, wird in beiden EA Gruppen eher als Arbeitsbegriff verwandt. So merkt eine meiner Berliner Gesprächspartnerinnen an: „Ich finde diese Utopie des grenzfreien Raumes eine super Utopie, die man da oben irgendwo hat, aber diese Idee ist nicht Teil meiner Realität von Europa.“

In Cluj sprach man von diesem idealistischen Europabegriff als Horizont: „It's definitively an utopia, it's like the horizon […] once you reach it it's not a horizon anymore.“ Dieser Horizont ist offen und bietet Spielraum für Interpretationen und Verwirklichungen. Wie mir scheint, ist dieser utopische Zustand des gemeinsamen Raumes der Katalysator der Arbeit EAs. Selbst wenn man sich bewusst ist, dass er nie vollständig erreicht werden kann, geht es beständig darum, darauf hin zu arbeiten.

Immer wieder deutlich wurde in dieser Forschung die Tatsache, dass Europa lokal produziert wird. Zwar hat European Alternatives den Anspruch, transnational vernetzt für gemeinsame europaweit gültige Ziele einzustehen, bei allem Enthusiasmus für das Gemeinsame darf aber auch der spezifische lokale Kontext nicht vernachlässigt werden, auch zum Schutz der Diversität. Unterschiedliche historische Erfahrungen dürfen im gemeinsamen Entwerfen europäischer Heterotopien32 nicht ungeachtet bleiben. Am Beispiel EAs lässt sich recht anschaulich zeigen, warum unser Projekt Andere Europas ganz bewusst im Plural betitelt ist.

4.5. EU-Gelder, um an der Imagination des anderen Europas zu bauen

Dass European Alternatives in ihrem jeweiligen lokalen Kontext erfolgreich zu Veränderungen des Status Quo beitragen können, hat sich im Laufe meiner Forschung bestätigt. Aber erfüllen sie damit auch den oben zitierten Anspruch des EU-Mitregierens aus dem Weißbuch? Und entstehen auf diese Weise tatsächlich die neuen handlungsmächtigen Europäer?

Sowohl in Berlin als auch in Cluj verhilft die finanzielle Förderung durch die EU und die Partizipation in der Gruppe überhaupt zu einer neuen Imagination von Europa, auch wenn die jeweiligen Beweggründe für die Teilnahme unterschiedliche sind. So nimmt man die finanzielle Förderung der EU an, um sich mit diesen Mitteln ein vermeintlich besseres, neues Europa zu kreieren. Die NGOisierung ist damit ein Teil der Imagination der Akteure, die auf diese Weise für ein demokratischeres Europa einstehen.

Die EU gibt dadurch aber auch einen Teil ihrer Verantwortung an die NGOs ab, es findet eine Auslagerung von Öffentlichkeit und Demokratie statt. Verantwortung abgeben ist dabei zunächst gar nicht negativ, kritisch wird es allerdings, wenn der Einsatz der NGOs nichts am Regierungsapparat selbst ändert, obwohl diese New Governance ganz bewusst das EU-Mitregieren propagiert.

Dieser Begriff des Mitregierens, wie er im Weißbuch angeführt wurde, ist missverständlich, denn ein Mitregieren kann auch außerhalb politischer Parteien stattfinden, indem man eine laute, öffentliche Stimme formuliert, die nicht überhört werden kann. Initiativen wie EA können mit ihrer Arbeit durchaus realpolitische Auswirkungen haben, ohne direkten Zugriff auf die Machtstrukturen zu haben. Sowohl in Cluj als auch in Berlin glaubt man zwar an eine Wirkungsmacht der Initiative, allerdings mit eingeschränktem Handlungsspielraum, so eine Interviewpartnerin aus Berlin:

„Wir können den Menschen irgendwie einen Rahmen geben, sich mit diesen Themen zu beschäftigen, aber ich glaube nicht, dass wir das demokratische Defizit der EU verringern. Da muss es eigentlich schon andere Kanäle geben.“

Diese anderen Kanäle werden dabei ganz klar im Feld der politischen Parteien verordnet:

„Wir sind ja sozusagen keine Partei und ob das die Zukunft ist, dass man sich außerhalb von Parteien in so einer Art von politischer Initiative politisch engagiert…also ich würde sagen Jein, weil ich nicht glaube, dass politische Parteien wirklich jetzt durch was anderes ersetzt werden können in naher Zukunft, deswegen sind sie weiterhin von Bedeutung.“

Das Engagement innerhalb EAs erscheint mir zwar förderlich zur Schaffung einer neuen Imagination von Europa als Grundlage für politische Veränderungen, allerdings sind sie als NGO politisch begrenzt. Das bedeutet nicht, ihre Wichtigkeit für das bestehende System zu negieren, im Gegenteil – es ist von hoher Bedeutung, dass es solche Initiativen gibt, um z.B. auf Missstände aufmerksam zu machen, aber von einer NGOisierung der EU-Politik zu sprechen, finde ich problematisch. Denn das ist keine EU-Politik. Nein, es ist in vielen Fällen sogar etwas konträr dazu Positioniertes aus der Kritik am Regierungsapparat der EU heraus:

„Ich glaube, der entscheidende Punkt ist, dass die EU auf dem Papier ja einen wunderbaren Wertekonsens oder Wertekatalog bietet, an den man sich ja ganz gerne bindet. (….) Aber das ist ja genau das Problem, dass sie ihre eigenen Werte nicht einhalten oder sogar konträr dazu arbeiten.“

Die Akteure von European Alternatives sehen ihre Aufgabe auch darin, eine kritische Gegenöffentlichkeit zu formieren und damit Aufklärung zu leisten. Wissen darf nicht in dem Kontext bleiben, in dem es produziert wurde. Der mündige Bürger formiert sich weniger in der Zusammenarbeit mit dem politischen Konstrukt der EU, als vielmehr in der kritischen Beobachter- und Kommentatorenrolle hinsichtlich der politischen Entscheidungsprozesse.

5. Fazit und Aussichten

Ich versuchte in dieser Forschung der Frage nachzugehen, inwieweit NGOs und informelle Gruppen Teil des neuen Europäischen Regierens sind und welche Konsequenzen dies für die Gestaltung des europäischen Raumes hat. Mich interessiert, welche Lücken sich durch die Auslagerung politischer Aufgaben an nicht-staatliche Akteure für alternative Formen des Mit-Regierens auftun und welche möglichen Potenziale in einer solchen Umstrukturierung verborgen liegen. Dies erforschte ich am Beispiel der Initiative European Alternatives, im Spannungsfeld der beiden lokalen Gruppen in Cluj und Berlin.

Ich kam zu dem Ergebnis, dass man im Fall von NGOs wie EA zwar von der Schaffung einer neuen Imagination des europäischen Raumes sprechen kann und dass so die theoretische Basis33 für politische Veränderungen geschaffen werden kann, dass es aber überzogen wäre, im Falle EAs von einer NGOisierung der EU-Politik im Sinne eines tatsächlichen Mit-Regierens zu sprechen. Denn diese Initiativen beschäftigen sich zwar mit Themen der EU-Politik und tragen durch das Moment der Bürgerbeteiligung einen großen Teil zur Demokratisierung der Gesellschaft bei, allerdings ändern sie zunächst nichts am politischen Konstrukt der EU. So bezeichnete eine meine Interviewpartnerinnen die Tätigkeit EAs zu Recht als vertuschendes „Feigenblatt“ der EU, welche durch Abgabe der Verantwortung an Nichtregierungsorganisationen Öffentlichkeit und Demokratie auslagern würde. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung weist darauf hin, dass die

„öffentliche Legitimation transnationaler Politik nicht durch NGOs ausgeglichen werden [kann], da diese ebenfalls nicht demokratisch legitimiert sind. Selbst die NGOs, die sich für mehr Demokratie auf globaler Ebene einsetzen, sind nicht gewählt und damit nicht ermächtigt, im Namen des Volkes zu agieren.“34

Außerdem seien NGOs auch intern nicht immer demokratisch strukturiert und ihre finanzielle Abhängigkeit könne in Widerspruch zu ihrer Glaubwürdigkeit stehen.35

Zwar verändert EA den Status Quo des Regierungsapparates nicht direkt, sie tragen aber trotzdem einen Teil zum demokratischen Verständnis der Bürger bei und eröffnen so Potenziale für die Imagination anderer Europas. Durch Verhandlung politischer Themen in lokalen Gruppen findet eine Emotionalisierung der Thematik statt, weil man über EU-Europa nicht mehr nur im Gespräch über das allzu ferne Brüssel klagt, sondern sich selbst direkt damit auseinandersetzt und die Problematik im jeweiligen lokalen Kontext interpretiert.

Trotz, oder vielleicht gerade wegen der gegenwärtigen Finanzmarktkrise in Europa, brauchen wir Heterotopien36 des gemeinsamen Raumes.

Neben den Themen wie Gender, Minderheitenrechte, Geschlechtergleichheit, Medienfreiheit etc., die durch EA publik gemacht und in Umlauf gebracht werden, tragen EA auch durch ihren Anspruch der transnationalen Vernetzung über Europäische Grenzen hinweg37 zur Schaffung einer alternativen Idee von Europa bei.

Literatur:

Monographien:

Beck, Ulrich/Grande, Edgar: Das kosmopolitische Europa. Frankfurt am Main 2007.

European Alternatives (Hg.): Transeuropa Festival. Democracy, Equality, Culture beyond the Nation State. May 6-15. 2011. London 2011.

Kölnischer Kunstverein u.a. (Hrsg.): Projekt Migration. Köln 2005.

Transit Migration Forschungsgruppe (Hrsg.): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas. Bielefeld 2007.

Aufsätze/Zeitschriftenbeiträge:

Appadurai, Arjun: Here and now. In: (ders.): Modernity at large. Cultural dimensions of globalization. Minneapolis 1969. S. 1-26.

Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital - Soziales Kapital. In

(ders.): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg 1992 S. 49-80.

Braidotti, Rosi (im Gespräch mit Rutvica Andrijasevic): „L’Europa non ci fa sognare / Europa lässt uns nicht träumen.“ In: Kölnischer Kunstverein u.a. (Hrsg.): Projekt Migration. Köln 2005.

Foucault, Michel: Andere Räume. In: Barck, Karlheinz (Hg.): Aisthesis: Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik; Essays. (5., durchgesehene Auflage). Leipzig 1967. S. 34-47.

Hertzfeld, Michael: The Absent Presence. Discourse of Crypto-Colonialism. In: The South Atlantic Quarterly 101 (4/2002). S. 899-926.

Hess, Sabine/Karakayalı, Serhat: New Governance oder die imperiale Kunst des Regierens. Asyldiskurs und Menschenrechtsdispositiv im neuen EU-Migrationsmanagement. In: Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf

Migration an den Grenzen Europas. Bielefeld 2007. S. 39-65.

Kaschuba, Wolfgang: Kulturalismus: Kultur statt Gesellschaft? In: Geschichte und

Gesellschaft (1995) 21, S. 80-95.

Panagiotidi, Efthimia/Tsianos, Vassilis: Denaturalizing „Camps“: Überwachen und

Entschleunigen in der Schengener Ägäis-Zone. In: Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an

den Grenzen Europas. Bielefeld 2007. S. 57-86.

Internetressourcen:

Amnesty International: Wohnen in Würde. Mit Menschenrechten gegen Armut. Diskriminierung der Roma in Rumänien. Artikel abrufbar unter: http://www.amnesty.de/mit-menschenrechten-gegen-armut/wohnen-wuerde/diskriminierung-der-roma-rumaenien(Stand: 13.01.12).

Beck Ulrich: Reflexive Europäisierung. Die Krise Europas als Herausforderung für die Sozialwissenschaften. (Vortrag im Rahmen des Institutkolloquiums „Decentering Europe“ am 15.12.10 am IfEE). Der Beitrag ist als mp3-File abrufbar unter: http://www.euroethno.hu-berlin.de/studium/wichtiges/kvv/institutskolloquium/institutskolloquium_wise1011 (Stand: 11.09.11).

Boatcã, Manuela: Wie weit östlich ist Osteuropa? Die Aushandlung gesellschaftlicher Identitäten im Wettkampf um Europäisierung. In: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte. (Bd. 11/2007) Heft 2. -S. 11-31. Außerdem als Link abrufbar unter: http://www.ssoar.info/ssoar/View/?resid=18265. Hier S. 2236.

Bundeszentrale für politische Bildung: Nichtregierungsorganisationen (NGOs):

http://www.bpb.de/wissen/3UD6BP,0,0,NichtRegierungsorganisationen_(NGOs).html (Stand: 20.10.11).

Cornelsion, Mike: RIP Christian Paturca, Songwirter oft he Roamian Democratic Revolution. Abrufbar unter:

http://www.mikecornelison.com/tag/better-dead-than-a-communist

(Stand: 20.10.11).

Hertzfeld, Michael: The Absent Presence. Discourse of Crypto-Colonialism. In: The South Atlantic Quarterly 101 (4/2002). S. 899-926.

Hirsch, Joachim: Nicht regieren? Artikel in der Wochenzeitung Jungle World

(7/2002), erschienen am 06.02.2002. Online abrufbar unter:

http://jungle-world.com/artikel/2002/06/24468.html (Stand: 20.10.11).

Kommission der Europäischen Gemeinschaften (Hg.): Europäisches Regieren. Ein Weißbuch. Brüssel 2001. Online abrufbar unter:

http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/site/de/com/2001/com2001_0428de01.pdf (Stand: 12.09.11).

Marcus, George E.: The Uses of Complexity in the Changing Mise-en-Scéne of Anthropological Fieldwork. In: Representations, No. 59, The Fate of ‘Culture’: Geertz and Beyond (Summer, 1997), S. 85-108. Online abrufbar unter: http://www.jstore.org/stable/2928816 (Stand: 12.09.11).

Messner, Dirk: NGOs in der Irrelevanzfalle oder NGOisierung der (Welt-)Politik. In: Friedrich-Ebert Stiftung (Hg.): Globale Trends und internationale Zivilgesellschaft. Oder: Die NGOisierung der (Welt-)Politik? Düsseldorf 1996. S. 11-38. Online abrufbar unter:

http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/03525.pdf (Stand: 12.09.11).

Pollak, Detlef: Nationalismus und Europaskepsis in den postkommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas. Erschienen am 10.09.04 auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung. Abrufbar unter: http://www.bpb.de/publikationen/UFU83M,0,Nationalismus_und_Europaskepsis_

in_den_postkommunistischen_Staaten_Mittelund_Osteuropas.html

(Stand: 13.01.12).

Allgemeine Websites:

Citizens for Europe e.V.: http://www.citizensforeurope.org/ (Stand: 13.09.11).

Europa fördert Kultur: http://www.europa-foerdert-kultur.info/ (Stand: 13.01.12)

European Alternatives: www.euroalter.com (Stand: 10.09.11).

Fabrica de Pensule: http://www.fabricadepensule.ro/ (Stand: 13.01.12)

Jede Stimme 2011: http://jedestimme2011.de/ (Stand: 13.09.11)

Jugend in Aktion: http://www.jugend-in-aktion.de/ (Stand: 13.01.12)

Fußnoten

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